{"id":1945,"date":"2016-09-28T14:49:00","date_gmt":"2016-09-28T14:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/oberle-stiftung.de\/?page_id=1945"},"modified":"2021-06-09T12:41:07","modified_gmt":"2021-06-09T12:41:07","slug":"schuldnerberatung-auf-peruanisch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/oberle-stiftung.de\/?page_id=1945","title":{"rendered":"Aus dem Reisetagebuch von Clemens Oberle: Schuldnerberatung auf peruanisch"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/oberle-stiftung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Moq_CiudadDeLaCurva.jpg\" width=\"196\" height=\"108\">Heute, am&nbsp;&nbsp;30.12.05 wurde die letzte Rate eines ungew\u00f6hnlichen, verzinsten Entschuldungsdarlehens zur\u00fcckbezahlt. Eine Entschuldung durch Vergleichszahlung&nbsp;<br \/>\nin Peru! Anlass &nbsp;in meinem Reisetagebuch von 2002 nachzuschlagen, wie &nbsp;die Bankgeschichte ihren Anfang nimmt:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Moquegua (S\u00fcdperu)<\/strong><\/p>\n<p>Dienstag, 29.10.02<br \/>\nAm Nachmittag eine&nbsp; Lektion in Sachen Bankgesch\u00e4fte und Schuldnerberatung auf peruanisch.<br \/>\nDie &nbsp;Familienangeh\u00f6rigen eines mir bekannten Freiburger Peruaners haben einen ganz normalen Bankkredit aufgenommen. Der alt\u2019 Mutter ihr H\u00e4usle als Sicherheit&nbsp; mit der Kleinigkeit von 48 % p.a. Zinsen f\u00fcr den Hypothekenkredit, &nbsp;in der Landesw\u00e4hrung Soles (einigerma\u00dfen&nbsp; US-Dollar-stabil).<br \/>\nDer Kredit &nbsp;ist bei ein und derselben Bank dreimal umgeschuldet und mittlerweile mit 54 %&nbsp; verzinst,&nbsp; drei Mal waren Geb\u00fchren plus Restschuldversicherung f\u00e4llig (fast so wie bei uns daheim).<\/p>\n<p>Wir f\u00fchren ein Strategiegespr\u00e4ch, \u00fcben f\u00fcr den Banktermin am n\u00e4chsten Tag. Ich werde den &#8222;bad boy&#8220; spielen: Ich bin der, der sein Scheckheft gerne wieder einsteckt. Der aufgeweckte Schwiegersohn soll mich und die Bank beknien, soll bei sich verh\u00e4rtenden Fronten kompromissbereit bleiben, &nbsp;die betagte Mutter darf &nbsp;herzzerrei\u00dfend weinen und wehklagen &#8230;<\/p>\n<p>Mittwoch, Moquegua.<br \/>\nDer Tag des Banktermins mit dem bankeigenen Rechtsanwalt. (Die ganze Belegschaft besteht aber nur aus eben jenem Rechtsanwalt,&nbsp; Administrator, Sekret\u00e4rin, Kassenmensch und bewaffneten Security-Mann).<br \/>\nDamit\u2019s erst mal ein bi\u00dfchen was zu tun gibt, frage ich nach der Summe aller Einzahlungen auf den (dreifach refinanzierten) Kredit.<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich, die Zahlen liegen auf dem Tisch &#8211; Kompliment! Aber damit ist auch klar, dass das Kapital&nbsp; zur\u00fcckgezahlt ist. Protest &#8230; Wir verhandeln also nur noch \u00fcber Zinsen?! &nbsp;Es gelingt, wir schrauben die Spirale allm\u00e4hlich runter und landen am Ende bei 4.000 Soles &nbsp;Nachlass. Das sind glatte 30 % auf einen dinglich gut gesicherten Kredit!<br \/>\nStolzgeschwellt gehe ich drei H\u00e4user weiter, um bei &#8218;unserer&#8216; Bankfiliale die Kohle zu holen.<br \/>\nWieder zur\u00fcck stellt sich heraus,&nbsp;&nbsp;dass sie die Kursangabe f\u00fcr &nbsp;An-und Verkauf zu ihren Ungunsten verwechselt haben.<br \/>\nTja, tut mir sehr leid, ich hab&#8216; aber nur so viel dabei, wie mir von euch B\u00e4nkern selbst aufgetragen wurde&#8230; Auch das geht noch von der Schuld runter!<br \/>\nAlso, wie w\u00e4r\u2019s mit\u2019ner WOS-Schuldnerberatungsstelle in Peru?<\/p>\n<p>Donnerstag, Moquegua<br \/>\nDie Bankstory geht weiter. Am fr\u00fchen Vormittag klopft\u2019s an meiner Schwiegertante T\u00fcr. Der B\u00e4nkeranwalt und der Kassenmensch von gestern. Es w\u00e4re ihnen ein Fehler unterlaufen.<br \/>\nWas &#8211; noch einer?&nbsp; Sie m\u00f6chten gerne den Einzahlungsbeleg von gestern wiederhaben bzw. gegen einen neuen tauschen!? Ich schau\u2019 mir das Ding genauer an und tats\u00e4chlich, mir wurde Dollar statt Soles quittiert. Ich habe einen Original-Bank-Kassenbeleg, der auf \u00fcber 6.000 Dollar mehr lautet, als ich tats\u00e4chlich bezahlt habe. Die haben Gl\u00fcck, das ich so ein herzensguter Mensch bin, sonst w\u00e4ren sie mehr als&nbsp; den Job los.<\/p>\n<p>Abends, au\u00dferhalb, auf einem Aussiedler-Bauernhof:<br \/>\nEs w\u00e4ren B\u00e4nker da, die mit mir sprechen wollten. Was nochmal? Und hier drau\u00dfen!<br \/>\nDiesmal ein neues Gesicht , der Chef-Innenrevisor der n\u00e4chsten Gro\u00dfstadt Tacna (2 Auto-Std. entfernt!)<br \/>\nWarum sie mich geradezu verfolgten?<br \/>\nEr m\u00f6chte sich nochmals und vielmals entschuldigen, menschliches Versehen eben.<br \/>\nDas sei aber mal nett und da\u00df er f\u00fcr eine Entschuldigung sooo weit gereist sei&#8230;.<br \/>\nOb er vielleicht noch etwas auf dem Herzen habe?<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich: Sie wollen mir weitere notleidende Hypothekendarlehen verkaufen!<br \/>\nDie Bank selbst scheint ziemlich pleite zu sein. Und ich bin im Gesch\u00e4ft!<\/p>\n<p>Eigentlich schade, da\u00df ich morgen schon wieder abreisen mu\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute, am&nbsp;&nbsp;30.12.05 wurde die letzte Rate eines ungew\u00f6hnlichen, verzinsten Entschuldungsdarlehens zur\u00fcckbezahlt. Eine Entschuldung durch Vergleichszahlung&nbsp; in Peru! 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