Mensch im Container

Künstlerische Begleitung für Flüchtlinge in Freiburg

Jede Woche warten die Kinder und Jugendlichen des Flüchtlingswintro_kinder_afp_gohnheims sehnsüchtig, bis sich die Türen wieder öffnen. Manchmal geht es hier zu wie im Ameisenhaufen: die einen malen, andere basteln und die nächsten spachteln. Es wird mit Materialien wie Farbe, Gips Ton, Spachtelmasse und Buntglas experimentiert. Ein anderes Mal hört man alle schon von Weitem beim Musizieren: es wird getrommelt, gesungen und gestampft. Ein Container für Menschen, Kunst und Musik bringt Leben und Bewegung in den oft so monotonen Alltag des Flüchtlingsheims.

Das Flüchtlingswohnheim St. Christoph liegt zwischen Recyclinghof, Schrotthändler, Sportflughafen und der Freiburger Messe. In dieser zum Teil schon sehr veralteten Container- Siedlung wohnen im Moment 230 Roma.
bild_span12Sie sind aus Syrien, Mazedonien, Serbien und Russland, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die unter anderem aus Kriegsgebieten nach Deutschland geflüchtet sind. Bombenangriffe auf die Heimatstadt, tote Angehörige, Hunger und Durst sind nur einige der Erfahrungen, die hier viele erlebt haben. Der Verlust der Heimat, der Arbeit und des Familienzusammenhaltes und die ungewisse Zukunft prägen die oft als ausweglos erscheinende persönliche Situation. Der Großteil der Menschen hat keine Arbeit und ist oft in ständiger Angst vor Abschiebung. Meist sind die Roma sich selbst überlassen, denn ansonsten trauen sich nur wenige ins Flüchtlingswohnheim. Es gibt dort über 100 Kinder und Jugendliche, die in engen Wohnräumen mit ihren Familien leben.

Seit April 2014 bietet stART international jeden Mittwoch Vormittag künstlerische Aktivitäten für Kinder und Jugendliche im Gruppencontainer an. Sie wollen auch Begegnungsmöglichkeiten zwischen den Romas und der lokalen Bevölkerung schaffen. Hier lassen sie sich einiges einfallen: Kunstausstellungen und Sommerfeste. „Wir wollen, dass die Kinder schöpferisch werden“, so Christoph Bednarik, der das Projekt im Flüchtlingsheim St. Christoph leitet.
Foto BZ Artikel 2Manchmal machen sich alle gemeinsam auf den Weg, um selbst Materialien zu sammeln. Mit Naturmaterialien wie Holz, Sand, Erde und Steine in verschiedenen Farben werden regelrechte Kunstwerke gezaubert. Eine Gruppe Jugendlicher stellt heute ein großes Bild aus Moos, Kieselsteinen und gepressten Blättern her. Sie betrachtet es versonnen. Bis der kleine Junge mit den strubbeligen Haaren plötzlich die Stille bricht: „Das ist richtig gut geworden. Wir müssen das für nächsten Ausstellung unbedingt mitnehmen!“ Auch ein paar Grundschüler malen kleine Bilder und überlegen gerade, welche Titel am passendsten seien, denn auch sie möchten diese ausstellen. Ausstellungen sind für alle immer ganz besondere Momente, denn die Kinder und Jugendlichen werden dadurch regelrecht künstlerisch beflügelt. Ihre Kunst regt zum Nachdenken und ins Gespräch kommen ein. Und zwar nicht nur für die kleinen Künstler, sondern auch für die Betrachter.

Foto BZ Artikel 1Wenn gemeinsam im Container musiziert wird, geht es immer hoch her. „Bei der Musik ist es schön“, fügt Bednarik hinzu, „dass die Kinder aufeinander hören müssen, damit es harmonisch klingt.“ Einmal pro Woche treffen sich zehn Jungs, um auf Trommeln, Rasseln, Flöten und Tamburins zu spielen. Salihis Bruder, sein Cousin und viele seiner Freunde machen mit. „Wenn wir uns alle Mühe geben, klingt es richtig gut“, findet Salihi. Gemeinsam trommeln sie im Rhythmus.

Was sie in den vergangenen Monaten einstudiert haben, führten sie letztens auf dem Roma-Kinderfest vor, das jährlich auf dem Gelände des Heimes stattfindet. E18in öffentliches Roma-Fest trägt dazu bei, die Tore der „Container“ zu öffnen. Die Freiburger Bevölkerung, welche sonst eher Abstand hält, lernt das Leben , die Musik, Traditionen und vor allem die Menschen dort vor Ort kennen. Eltern und Kinder staunen darüber, was die Jungs fabrizieren. Alle tanzten dazu im Takt, klatschten zum Rhythmus und bejubelten die Leistung der stolzen jungen Musiker, die sichtlich Spaß an der Sache hatten. Abends schliefen sicherlich viele Besucher mit einem rhythmischen Roma-Lied als Ohrwurm und den Bildern tanzender Roma vor Augen ein. Viele wissen, dass sie beim nächsten Jahr wieder beim Flüchtlingswohnheim vorbeischauen werden.
Die Roma-Familien hingegen hoffen, dass sie beim nächsten Roma-Kinderfest noch in Freiburg sein werden. Ideen, was beim nächsten Jahr vorgeführt werden soll gibt es nämlich schon zu genüge.

Quelle: Badische Zeitung / Christian Engel
Gemeinsam trommeln macht Spaß (veröffentlicht am Mi, 16. Juli 2014 auf badische-zeitung.de)