Rucksack vor Ranzen

BZ Foto_Kind SchulranzenSchon bevor die Migranten-Kinder in die Schule kommen, üben sie Sprachen.
Chancengleichheit für alle Kinder ist ein großes Ziel. Gerade auch für die Kinder, die nicht gut Deutsch können. Wie kann ihnen ein erfolgreicher Bildungsweg geebnet werden?
Genau hier setzt das Projekt „Rucksack Kita“ an, denn die Eltern werden hier einfach Huckepack mitgenommen.


In dem Rucksack von Migrantenkindern stecken allerhand Erkenntnisse – dass diese schlechtere Karten haben, und dass 40 Prozent der Grundschüler nicht von Haus aus Deutsch sprechen, aber dafür noch eine zweite Sprache. „Das ist ein Schatz, den wir bisher nicht gehoben haben“, sagt Bildungsbürgermeisterin Gerda Stuchlik.  Das Rucksack-Team ist sich sicher: Wer die Muttersprache gut kann, lernt leichter Deutsch.

Der Schlüssel zum Bildungserfolg sind neben Kindergärten, Schule und Stadt besonders die Eltern. „Die wollen wir ganz anders einbinden“, sagte Stuchlik.  Sie sollen Partner werden.

Elternbegleiterinnensitzung3Eltern von je sieben Kindern kommen einmal die Woche zur Elterngruppe. Eine der Mütter, die gerade geschult werden, leitet sie an, um mit den Kindern zu Hause zu üben. Der Clou: Sie machen die Hausaufgaben in ihrer Muttersprache (zunächst Türkisch, Russisch, Albanisch). Das soll die Wertschätzung der Kultur zeigen, Bindung zur Kita schaffen und sich herumsprechen. Die Erzieherinnen behandeln dann mit den Kindern parallel die Themen der Hausaufgaben – auf Deutsch.

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Die vierjährige Ida hat es mit Schmuck. Sie besteht jedenfalls darauf, dass die Hortensienblüte in ihrem aus Naturmaterialien auf gelbe Pappe geklebten Gesicht eine „Halskette“ sei. „Körperteile“ sind gerade Thema bei den sechs türkischen Kindern, die am Rucksackprojekt teilnehmen. „Körperteile“ sind auch Thema für ihre Mütter. Eine türkische Kindergartenmutter und von Leif zur Elternbegleiterin ausgebildet, gibt sechs Müttern beim wöchentlichen Treffen „Hausaufgaben“ mit: „Ich will, dass die Eltern ihre Kinder wacher machen und zum Nachdenken bringen.“ So lassen sich Väter von ihren Kindern auf türkisch erzählen, was sie beim letzten Familienpicknick erlebt haben.
Nach den ersten Praxiserfahrungen sind alle Beteiligten voll des Lobes. Pfarrer Frank Prestel von der katholischen Seelsorgeeinheit Nord als Träger des Kindergartens St. Bernhard in Brühl-Beurbarung wünscht sich, dass es von Dauer sein möge. „Ich habe viele Sprachförderprogramme kennengelernt“, sagt Kitaleiterin Regina Wernet. „Aber kein anderes bietet diese enge Verzahnung zwischen Eltern, Kindern und Erzieherinnen.“

IMG-20150303-WA0002-1Die Stärke von Rucksack liegt in der Verknüpfung von „Beziehungs- und Sprachbildungsarbeit“. Auch die Sprachförderung selbst wirft herkömmliche Ansätze über den Haufen, indem sie bei der Muttersprache der Migrantenkinder ansetzt. „Wenn wir die Schulerfolge und die Sprachkompetenz in Deutsch steigern wollen“, ist Bürgermeisterin Gerda Stuchlik sicher, „müssen wir die Muttersprache in den Lernprozess einbeziehen.“
Rucksack trägt für sie schon jetzt sichtbar Früchte. Nach zwei Jahren soll Bilanz gezogen werden.

Quellen/ergänzend: Badische Zeitung
„Der Rucksack ist gepackt“
„Wie Sprache Spass macht“